Ali Daryusi
2026 / 10 / 13
Eine arabische Erzählung über Zorn, Irrtum und den Schmerz einer unumkehrbaren Tat
Vor langer Zeit lebte in den Weiten Arabiens ein Mann namens Al-Kusa i. Er war ein erfahrener Jäger, der mit Pfeil und Bogen umzugehen wusste. Doch er wollte sich nicht mit irgendeinem Bogen zufriedengeben. Sein Wunsch war es, einen Bogen zu besitzen, der zugleich stark und geschmeidig war, dessen Holz sich unter der Spannung der Sehne bog, ohne zu brechen, und dessen Pfeile sicher ihr Ziel fanden. Einen solchen Bogen wollte er nicht kaufen. Er wollte ihn mit seinen eigenen Händen erschaffen.
Eines Tages entdeckte er in einer felsigen, trockenen Landschaft einen jungen Baum, dessen Holz ihm besonders geeignet erschien. Lange betrachtete er den schlanken Stamm. In seinen Augen lag bereits die Vorstellung des Bogens, den er eines Tages daraus fertigen würde. Doch er wusste, dass die Zeit dafür noch nicht gekommen war. Der Baum musste wachsen, sein Holz musste an Festigkeit gewinnen, und sein Stamm musste jene Form annehmen, die ein guter Bogen verlangte.
So begann Al-Kusa i, sich um das unscheinbare Gewächs zu kümmern. In einer Gegend, in der Wasser kostbarer war als vieles andere, trug er regelmäßig Wasser herbei und ließ es an den Wurzeln versickern. Er beobachtete das Wachstum des Baumes, schützte ihn, richtete seinen Stamm aus und wartete. Wochen vergingen, Monate vergingen, und mit jeder Jahreszeit wuchs nicht nur der Baum, sondern auch die Hoffnung des Jägers.
Al-Kusa i wusste, dass die Dinge, die wirklich etwas wert sind, ihre Zeit brauchen. Ein guter Bogen ließ sich nicht erzwingen. Er musste wachsen, reifen und mit Sorgfalt entstehen.
Als schließlich der Tag gekommen war, an dem das Holz die gewünschte Stärke und Biegsamkeit erreicht hatte, schnitt er den Stamm ab und begann mit seiner Arbeit. Mit ruhigen Händen bearbeitete er das Holz, formte es, prüfte seine Elastizität und gab ihm nach und nach die Gestalt eines Bogens. Aus dem übrigen Holz fertigte er fünf Pfeile, deren Schäfte er sorgfältig glättete und deren Spitzen er mit Bedacht formte.
Als er sein Werk vollendet hatte, betrachtete er es mit Stolz. Der Bogen lag geschmeidig in seiner Hand, die Sehne spannte sich kräftig, und die fünf Pfeile waren von guter Qualität. Für Al-Kusa i war dies nicht bloß eine Waffe. In diesem Bogen steckten seine Geduld, seine Arbeit und die Hoffnung auf einen großen Erfolg.
Bald sollte sich zeigen, was sein Werk vermochte.
Eines Morgens machte er sich auf den Weg in ein Gebiet, in dem häufig Gazellen zwischen den Felsen umherzogen. Er kannte das Gelände gut. Zwischen steinigen Hängen und kahlen Felswänden gab es schmale Pfade, auf denen die Tiere vorbeikamen. Al-Kusa i suchte sich einen geeigneten Platz, verbarg sich hinter einem Felsen und wartete.
Die Sonne stieg höher, und die Landschaft lag still unter ihrem Licht. Dann, nach einer Weile, erschien eine Gazelle. Vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen und näherte sich dem offenen Gelände.
Al-Kusa i griff nach seinem ersten Pfeil. Er legte ihn an die Sehne, spannte den Bogen und zielte. Für einen kurzen Augenblick schien die Welt den Atem anzuhalten. Dann ließ er die Sehne los.
Der Pfeil schoss durch die Luft.
Gleich darauf erklang ein scharfes, helles Geräusch. Al-Kusa i sah Funken an einem Felsen aufblitzen.
Doch die Gazelle fiel nicht vor seinen Augen zu Boden.
Enttäuschung stieg in ihm auf. Ich habe danebengeschossen, dachte er. Er hatte sich so viel Mühe mit seinem Bogen gegeben, so lange auf das richtige Holz gewartet und so sorgfältig gearbeitet. Nun, da es darauf ankam, schien ihm sein Können zu versagen.
Er blieb verborgen und wartete auf eine weitere Gelegenheit.
Nicht lange danach erschien eine zweite Gazelle. Wieder hob Al-Kusa i den Bogen, wieder spannte er die Sehne und ließ den Pfeil fliegen. Und wieder hörte er jenes scharfe Geräusch, als träfe das Geschoss auf Stein. Die Gazelle verschwand aus seinem Blickfeld, ohne dass er ihren Sturz wahrnahm.
Nun begann sein Vertrauen zu schwinden. Zweifel nagten an ihm. War der Bogen vielleicht doch nicht so gut, wie er geglaubt hatte? Hatte er das Holz falsch bearbeitet? Waren die Pfeile fehlerhaft? Oder hatte er seine Fähigkeiten überschätzt?
Ein drittes Mal spannte er den Bogen.
Ein drittes Mal durchschnitt der Pfeil die Luft.
Und ein drittes Mal ertönte das harte Geräusch vom Felsen.
Al-Kusa is Enttäuschung verwandelte sich in Ärger. Er konnte sich nicht erklären, was geschah. Er hatte gezielt, er hatte die Entfernung eingeschätzt, und er war überzeugt gewesen, sein Handwerk zu verstehen. Dennoch schien jeder Schuss misslungen.
Mit wachsender Ungeduld griff er nach dem vierten Pfeil. Er legte ihn an die Sehne und schoss.
Wieder das Geräusch.
Wieder kein sichtbarer Erfolg.
Jetzt war sein Zorn kaum noch zu beherrschen. Er dachte nicht mehr mit der Ruhe eines erfahrenen Jägers, sondern mit der Verbitterung eines Mannes, dessen Erwartungen enttäuscht worden waren. Der Bogen, auf den er so stolz gewesen war, erschien ihm plötzlich wertlos. Seine sorgfältige Arbeit schien ihm vergeblich, und die Geduld, mit der er den Baum gepflegt hatte, kam ihm wie eine nutzlose Verschwendung vor.
Nur noch ein Pfeil war übrig.
Al-Kusa i nahm ihn in die Hand. In ihm kämpften Ärger, Zweifel und gekränkter Stolz miteinander. Er spannte ein letztes Mal den Bogen und ließ den fünften Pfeil davonfliegen.
Wieder hörte er das scharfe Aufschlagen auf Stein.
Nun war für ihn jede Hoffnung dahin. Fünf Pfeile hatte er abgeschossen, und keinen einzigen Erfolg glaubte er errungen zu haben. Die Enttäuschung, die sich über Stunden in ihm aufgestaut hatte, brach sich in einem einzigen Augenblick Bahn.
Er sah den Bogen an, als wäre er der Schuldige an seinem vermeintlichen Versagen. Nicht ein einziges Mal kam ihm der Gedanke, die Einschläge genauer zu untersuchen oder nach den Tieren zu suchen. Er hielt sein Urteil bereits für gewiss, obwohl er die Wahrheit noch gar nicht kannte.
Im Zorn packte er den Bogen und schlug ihn gegen den Felsen.
Einmal.
Dann ein zweites Mal.
Er schlug mit solcher Wucht zu, dass das Holz unter der Gewalt seiner Hände nachgab. Der Bogen, den er mit so viel Sorgfalt und Geduld geschaffen hatte, zerbrach. Noch ein Schlag, und die Teile lagen nutzlos auf dem steinigen Boden.
In wenigen Augenblicken hatte Al-Kusa i zerstört, wofür er so lange gearbeitet hatte.
Erst als die Wut allmählich nachließ, spürte er die Leere, die sie hinterlassen hatte. Vor ihm lagen die Bruchstücke seines Bogens. Nichts ließ sich mehr daran ändern. Die Sonne neigte sich dem Horizont zu, und die Schatten der Felsen wurden länger. Zu erschöpft, um noch nach Hause zurückzukehren, beschloss er, die Nacht an diesem Ort zu verbringen. Am Morgen wollte er aufbrechen.
So legte er sich nieder, ohne zu ahnen, welche Erkenntnis ihn am kommenden Tag erwarten würde.
Als die ersten Sonnenstrahlen über die Felsen glitten, erhob sich Al-Kusa i. Er wollte sich auf den Heimweg machen, doch bevor er ging, ließ er den Blick noch einmal über das Jagdgebiet schweifen. Vielleicht suchte er unbewusst nach einer Erklärung für seine Enttäuschung. Vielleicht wollte er sich ein letztes Mal vergewissern, dass seine Jagd tatsächlich erfolglos geblieben war.
Da sah er etwas auf dem Boden liegen.
Er blieb stehen.
Zwischen den Felsen lagen Gazellen. Er ging näher, zunächst langsam, dann mit hastigen Schritten. Als er sich über die Tiere beugte, erkannte er die Wunden und die Spuren seiner Pfeile. Er betrachtete eines nach dem anderen. Die Pfeile hatten ihre Ziele getroffen. Nachdem sie die Tiere durchbohrt hatten, waren sie weitergeflogen und schließlich gegen die Felsen geprallt. Das Geräusch, das er am Vortag für den Beweis seines Versagens gehalten hatte, war in Wahrheit der letzte Widerhall seiner erfolgreichen Schüsse gewesen.
Da begriff Al-Kusa i, was geschehen war.
Alle fünf Pfeile hatten getroffen.
Keiner seiner Schüsse war vergeblich gewesen. Sein Bogen hatte ausgezeichnet funktioniert. Seine Pfeile waren gut gearbeitet, und seine Kunst als Jäger hatte ihn nicht im Stich gelassen. Er hatte erreicht, was er sich gewünscht hatte. Nur hatte er den Erfolg nicht gesehen und das Geräusch falsch gedeutet.
Die Wahrheit lag nun vor seinen Augen, unausweichlich und stumm.
Al-Kusa i richtete sich auf und blickte zu der Stelle zurück, an der er seinen Bogen zerbrochen hatte. Dort lagen noch immer die Holzstücke, die er im Zorn zerschlagen hatte. Er ging hinüber, hob eines davon auf und hielt es in den Händen. Das Holz, das er einst selbst ausgewählt, gepflegt und bearbeitet hatte, war nun nichts weiter als ein zerbrochenes Stück.
Er sah die erlegten Gazellen an. Dann blickte er auf die Überreste seines Bogens.
Und plötzlich erkannte er die ganze Bitterkeit seines Irrtums.
Nicht die Natur hatte ihn um seine Arbeit gebracht. Kein Feind hatte seinen Bogen zerstört, kein Unglück hatte ihm seinen Erfolg genommen. Er selbst hatte alles zunichtegemacht – nicht, weil er gescheitert war, sondern weil er geglaubt hatte, gescheitert zu sein. Er hatte sich von seinem Zorn beherrschen lassen und eine endgültige Entscheidung getroffen, bevor er wusste, was wirklich geschehen war.
Was er über lange Zeit mit Geduld geschaffen hatte, hatte er in einem kurzen Augenblick vernichtet.
Eine tiefe Reue ergriff ihn. Wenn er doch nur gewartet hätte! Wenn er doch nur nachgesehen hätte, bevor er urteilte! Ein einziger ruhiger Gedanke hätte genügt, um ihn von seiner verhängnisvollen Tat abzuhalten. Doch nun konnte er die Zeit nicht zurückdrehen. Er konnte seine Erkenntnis nicht ungeschehen machen, und er konnte das zerbrochene Holz nicht durch seine Reue wieder zu einem Bogen werden lassen.
So stand Al-Kusa i zwischen den Früchten seines Erfolgs und den Trümmern seiner eigenen Hände. Vor ihm lagen die Tiere, die er mit Geschick erlegt hatte neben ihm lagen die Bruchstücke des Werkes, das er selbst zerstört hatte. Er hatte gewonnen und sich dennoch um seinen Gewinn gebracht. Er hatte sein Ziel erreicht und zugleich das Mittel vernichtet, mit dem er es erreicht hatte.
In seiner Verzweiflung beklagte er sein Schicksal in Versen. Darin brachte er zum Ausdruck, wie bitter es sei, eine Tat zu bereuen, deren Folgen sich nicht mehr rückgängig machen ließen. Erst nachdem er seinen Bogen zerbrochen hatte, erkannte er dessen Wert erst nachdem er seinen Zorn hatte entscheiden lassen, verstand er, wie falsch sein Urteil gewesen war.
Seine Geschichte wurde über Generationen hinweg im arabischen Sprachraum weitererzählt. Aus ihr ging die Redewendung „Nadāmat al-Kusa i“ – die Reue des Al-Kusa i hervor. Sie bezeichnet jene tiefe, schmerzliche Reue, die einen Menschen erfasst, wenn er erkennt, dass er durch seine eigene voreilige Handlung einen Verlust verursacht hat, den er hätte verhindern können.
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